
Einblick
in die Entstehungsgeschichte der Ottoschen Idee des 'Heiligen'
Im Vorwort zu Heft 11 der Aufsätze das Numinose betreffend
(4. Aufl. 1929) schreibt er:
"Meine Untersuchung über DAS HEILIGE entsprang mir einst
aus dem Bedürfnisse, mir selber und meinen Schülern
die Frage zu beantworten, was Sünde, Schuld und Urschuld
sei, und was im Zusammenhange damit ,Sühne' und, Entsühnung'
im Christentums bedeute."
Es ist das genau der Ort, wo die durch Rudolf Ottos Hauptwerk
berühmt gewordene Restitution der Lehre vom "Zorn Gottes"
wurzelt, ebenso wie die theologisch ganz zentrale Betrachtung
des Opfertodes Jesu Christi am Kreuz. Es ist zugleich die Stelle,
wo R. Otto trotz dankbar bekannten Zusammenhangs mit der Ritschlschen
Schule über die Theologie Albrecht Ritschls bewußt
und energisch hinausschreitet, in lebendigem Verständnis
für "Orthodoxie" aus evangelischem Geiste.
Erst an zweiter Stelle - das muß zur Abwehr von Mißdeutungen
immer wieder betont werden - ist noch ein an Quellort für
die Idee des Heiligen bei R. Otto festzustellen: der persönlich
erfahrene Eindruck außerchristlicher Frömmigkeit. Dafür
liegt ein literarisch älteres Zeugnis an ziemlich verborgener
Stelle vor, das hier neu zu Wort kommen soll. Im Jahre hat R.
Otto Reisebriefe in der Christlichen Welt veröffentlicht,
die zum Fesselndsten gehören, was wir aus seiner Feder besitzen.
Darin ist ein Bericht aus Nordafrika, der für sich selber
spricht. Er lautet (nach C. W. 1911, Sp. 708 f.):
Am Sabbat
Ein kleiner, halbdunkler Saal. Nicht zehn Meter lang. Kaum fünf
breit. Gedämpftes Licht von oben. Braunes Getäfel an
den Wänden, vom Qualm der dreißig hängenden Öllampen
angeräuchert. An den Wänden ringsum Bänke mit abgeteilten
Sitzen, wie Chorgestühl von Bettelmönchen. Ein hoher
Schrein in der Schmalwand, und in der Mitte ein kleiner Altar
mit breitem Pult.
Durch labyrinthische Gänge des Ghetto, über zwei enge
finstere Treppen hat Chajjim el Malek mich hierher geführt.
Eine Synagoge nach der alten Art, vom Westen noch unberührt.
Vierzig solcher sind etwa hier, die meisten von ihnen Stiftungen
Privater und in Privathäusern, wie Hauskapellen gehalten,
durch Rabbinen und Vertreter alten Schlages bedient, Gebetsstätte
und Talmudschule zugleich. Es ist Sabbat und schon im dunkeln,
unbegreiflich schmutzigen Hausflur hörten wir das "Bemschen"
der Gebete und Schriflverlesungen, jenes halbsingende halbsprechende
nasale Cantillieren, das die Synagoge an die Kirche wie an die
Moschee vererbt hat. Der Klang ist wohllautend und bald unterscheidet
man bestimmte regelmäßige Modulationen und Tonfälle,
die wie Leitmotive sich abwechseln und folgen. Die Worte zu trennen
und zu fassen bemüht sich das Ohr zunächst vergeblich
und will die Mühe schon aufgeben, da plötzlich löst
sich die Stimmenverwirung und - ein feierlicher Schreck fährt
durch die Glieder einheitlich, klar und unmißverständlich
hebt es an:
Kadosch, Kadosch, Kadosch Elohim
Adonai Zebaoth
Male'u haschamajim wahaarez kebodo!
Ich habe das Sanctus, Sanctus, Sanctus von den Kardinälen
in Sankt Peter, und das Swiat, Swiat, Swiat in der Kathedrale
des Kreml das Hagios, Hagios, Hagios vom Patriarchen in Jerusalem
gehört. In welcher Sprache immer sie erklingen, diese erhabensten
Worte, die
von Menschenlippen gekommen sind, immer greifen sie in die tiefsten
Gründe der Seele, aufregend und rührend mit mächtigem
Schauer das Geheimnis des Überweltlichen, das dort unten
schläft. Mehr als sonst hier an diesem dürftigen Orte,
wo sie erklingen in der Sprache, in der sie Jesaias zuerst vernommen
hat, und von den Lippen des Volkes, dessen erstes Erbteil sie
waren.
So weit R. Ottos eigene Worte! Zusammenhang wie Unterscheidung
zwischen der "allgemeinen" Idee des Heiligen und dem
spezifisch evangelischen Verständnis von Gottes Heiligkeit,
die nirgends so wie in Christi Kreuz offenbar wird, werden am
Nebeneinander der beiden Bekenntnisse deutlich. Sie kennzeichnen
ebenso die Struktur des Ottoschen Denkens wie nicht minder den
doppelten Aufgabenkreis moderner Theologie. Möge es Rudolf
Otto vergönnt sein, die Verwirklichung seiner großen
Pläne auf religionswissenschaftlichem und auf theologischem
Gebiete zu erleben, und uns gewährt, durch weitere Gaben
seines Geistes unsere eigene Arbeit gefördert zu sehen!
Zum 25. September 1930
Heinrich Frick
Marburger Theologische Studien
Herausgegeben von Professor D. Dr. Heinrich Frick
Rudolf Otto-Festgruss
Drittes Heft
Zur systematischen Theologie
Leopold Klotz Verlag, Gotha 1931
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